11/14/2017

Sad Transmission.

Es war wieder eine dieser dunklen, verregneten Nächte auf der Müllkippe. Die einbeinige Schere lag traurig vor ihrem Radio und versuchte eine Nachricht zu empfangen. Eine Antwort auf ihre Frage. Vielleicht lag es an dem beschädigten Empfänger, vielleicht hatte sie ihr Anliegen schlicht zu undeutlich formuliert.


"Was ist das für ein Geräusch?", fragte ein aussortiertes Telefon, das neu am Platz war. Der alte Toaster blickte die Überreste eines Plattenspielers an. "Du meinst das Ächzen? ...ach, das ist nur wieder eine Sad Transmission unserer einbeinigen Schere." Große Teile des Sondermülls verzogen gequält das Gesicht. Selbst die Raben konnten es nicht mehr ertragen und hielten sich nachts mittlerweile lieber wieder auf dem Friedhof auf.

Wie all die Nächte zuvor vergingen die Stunden ohne ein Zeichen. Das Radio kratzte und fiepte vor sich hin. Eine Kakophonie elektrischer Störgeräusche. Ohne Richtung oder Ziel. Ein allumfassender Tinnitus. "Ich muss damit aufhören", dachte die Scherenhälfte und wollte sich erschöpft neben einer Cola-Dose ausbreiten, möglichst viel Fläche dem Himmel entgegenstreckend in der Hoffnung, den Prozess des Rostens zu beschleunigen. Doch was war das?
In einiger Entfernung sah sie etwas Spitzes im Mondlicht glänzen. Das Objekt kam ihr seltsam vertraut vor und so gab sie dem Drang nach, sich ihm zu nähern.

"Was machst Du hier?", fragte sie ungläubig. "Ich bin Deinem Signal gefolgt", erhielt sie als Antwort. Damit hatte sie nicht gerechnet. "Was ist mit Dir geschehen?" "Nun, offenbar dasselbe wie mit Dir", erwiderte ihr Gegenüber, "man hat uns aus Unachtsamkeit beschädigt, entsorgt und durch ein anderes Modell ersetzt."
"Aber Du warst eine edle Chirurgenschere, für präzise Arbeiten und lebensrettende Maßnahmen bestimmt. Ich hingegen war nur eine einfaches Haushaltsgerät, eine Allzweckwaffe, die im entscheidenden Moment versagt hat." "Das muss nichts heißen", entgegnete der Neuankömmling. "Man hat versucht mit mir Gitarrensaiten zu kürzen, daher die Narben auf meiner Klinge. Für alles Mögliche kam ich zum Einsatz, jedoch nie um ein Leben zu retten, so wie es meine Bestimmung ist. [...] Was hat man Dir angetan? Warum verrottest Du in dieser unwürdigen Umgebung anstatt umgeben von goldenem Samt auf der frisch polierten Kommode zu liegen?"

"Ach mir ging es eigentlich gut, ich schnitt einen Faden hier und da, hin und wieder ein Stück Papier, bis zu der Nacht als sie meine Hilfe brauchte und mich in den Oberkörper ihres Freundes rammte. Hätte sie es nicht getan, hätte er sie umgebracht. Doch ich war zu schwach. Zerbrach an dem, was für Dich ein Leichtes gewesen wäre. In Panik warf sie mich in den Mülleimer und lief fort. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen."

"Und nun sind wir zwei einbeinige Krüppel, ready to die, hm?", sagte das Chirurgen-Werkzeug mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, "komm her, ich beschütz Dich vor dem Regen ehe Du mir noch komplett wegrostest." Sie legte sich zu ihm; sich zum ersten Mal nach einer sehr langen Zeit nicht mehr komplett verloren fühlend.
Zweckentfremdet und ihrer Bestimmung beraubt, waren sie einzeln wertlos geworden. Opfer fahrlässiger, gar missbräuchlicher Behandlung.

"Wenn wir nur ein verbindendes Element finden könnten, würden wir uns einfach gegenseitig ergänzen und völlig neue Dinge erschaffen, wie keine andere Schere je zuvor", dachte sie. In ihrer Phantasie bildeten sie einen nie dagewesenen Klingen-Hybriden - geachtet, gefürchtet und bewundert gleichermaßen.

Als sie am nächsten Morgen erwachten, stellte sie enttäuscht fest, dass sich nicht verändert hatte. Weder am Schrottplatz, noch an ihnen. Sie sah an sich herab: Ein Bein, zerfressen von Rost. Sie schaute ihn an: Ein langes, schlankes Bein, glänzend und unbefleckt, nur mit ein paar Einkerbungen an der Oberkante, die man sicherlich wegschleifen könnte. Aber kein verbindendes Element. So sehr sie auch suchte, es war einfach nicht da. Dabei hatte sie es in ihrem Traum ganz deutlich vor sich gesehen.

Aber vielleicht war auch das hier nur ein Traum. Eine Konfrontation mit ihrer tiefsten Angst. Wenn sie nur aufwachen würde, würde sie sehen, dass das alles gar nicht echt ist und dass sich in Wirklichkeit eine Art Zauber über sie gelegt hatte. Alles würde so sein wie in ihrer Vision. Als Weltneuheit würden sie diesen Ort der Verwesung verlassen und zu dem Haus zurückkehren, aus dem sie gekommen war, um ihren Fehler wieder gut zu machen. Um das zu Ende zu bringen, was sie allein nicht gekonnt hatte.
Mit seiner Hilfe würde sie ihr Opfer nicht nur attackieren, nicht nur die Handgelenke aufritzen, an der Halsschlagader kratzen. Gemeinsam würden sie ihn umbringen. Dieses Mal wirklich.

"Was für eine erschreckende Vorstellung", flüsterte er ihr im Schlaf zu. Ja, was für eine erschreckende Vorstellung... Wahrscheinlich ist das auch nur ein Teil meines Traums, ein Trieb, der auf diese Weise Entladung erfährt.
Wenn wir morgen aufwachen, wird alles gut sein. Es gibt dann keine Vergangenheit mehr, nur noch Zukunft. Wir lassen den destruktiven Scheiß und erschaffen eine neue Welt, die nie zuvor eine Schere gesehen hat.

Ich hasse es, wenn ich das Ende einer Geschichte nicht kenne.

No comments:

Post a Comment

Google